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Wie Schweine zu Schinken werden

Wie leben Schweine in Massentierhaltung? Warum verzichten Veganer und Vegetarier auf Schweinefleisch? Wie geht es Schweinen in Biohaltung? Hier erfahrt ihr alles über Ferkelaufzucht, Schweinemast und Schlachtung. 


Auch wenn unsere Schimpfwörter es anders vermuten lassen: Schweine sind nicht dumm oder dreckig – ganz im Gegenteil: Schweine gehören zu den intelligentesten Säugetieren der Welt und sind Wissenschaftlern zufolge schlauer als Hunde, Katzen und Pferde. „Man geht davon aus, dass Schweine mehr Kommandos lernen können als Hunde“, erklärt Sandra Düpjan vom Leibniz-Institut für Nutztiere in Dummerstorf gegenüber der „Zeit“.


Ein deutliches Zeichen ihrer Intelligenz ist etwa, dass sie sich im Spiegel erkennen können (hier im Video) – eine Fähigkeit, die sie nur mit Primaten, Elefanten, Delfinen und einigen Vögeln teilen. Menschliche Babys entwickeln erst nach etwa einem Lebensjahr die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen. Zwar brauchen Schweine eine Weile, bis sie ihr Spiegelbild nicht als Artgenossen sondern als sich selbst wahrnehmen, dann aber können sie mithilfe eines Spiegels sogar versteckte Futterquellen entdecken. Und auch die Verwendung von Werkzeugen ist für Schweine kein Problem: Genauso wie Affen können sie etwa Geräte und Videospiele bedienen.


Farmer wissen schon seit Jahrzehnten, wie schlau die „Nutztiere“ wirklich sind: So hat ein dänischer Bauer Ende der Neunziger Jahre seine Schweine mithilfe eines Joysticks Belüftung und Temperatur im Stall selbst steuern lassen. Und immer wieder gibt es Berichte von Schweinen, die gewitzt Tore öffnen, aus Ställen ausbrechen oder ihre Artgenossen austricksen – etwa um sich einen Vorteil bei der Futtersuche zu verschaffen.


Schweine sind sehr neugierig, sie erforschen ihre Umgebung sehr genau, rennen herum, machen Luftsprünge und schlagen Haken. Oder sie raufen sich mit ihren Artgenossen, reißen Grasbüschel aus und schütteln ihre „Beute“. All diese Verhaltensweisen erinnern stark an die von Hunden – wahrscheinlich ist das der Grund, warum Hunde und Schweine oft prima miteinander auskommen, wie im folgenden Video zu sehen.

Schweine sind – genauso wie Hunde – ausgesprochen verspielt. Warum Hunde lieben und Schweine essen?


Das Leben der Schweine in Massentierhaltung


In freier Natur suchen Schweine bis zu 8 Stunden täglich nach Nahrung; sie durchwühlen den Boden mit dem Rüssel nach Pilzen, Knollen, Wurzeln, Larven und Käfern. Dabei können sie bis zu 30 km zurücklegen. In der Massentierhaltung werden die Tiere auf engstem Raum in schummerige Lagerhallen eingepfercht, in denen sie kaum Beschäftigungs- oder Bewegungsmöglichkeiten haben. Sie können weder miteinander herumtollen, noch das Gras unter sich spüren, sich im Schlamm suhlen oder die Sonne auf ihrer Haut spüren. Die Tiere zeigen deshalb starke Verhaltensstörungen: Sie werden aggressiv, beißen sich gegenseitig die Schwänze und Ohren ab. Um dies zu verhindern, werden ihnen die Schwänze kupiert – ohne Betäubung.


Die meisten Schweine (92%) leben auf Spaltenböden, durch die Kot und Urin abfließen. Das erspart dem Landwirt das ständige Ausmisten. Für die Schweine bedeutet das, Tag und Nacht mit dem Rüssel wenige Zentimeter über den stinkenden Exkrementen zu stehen und zu schlafen; sowohl die Liegeflächen als auch die Schweine selbst sind permanent mit Kot verschmutzt. Für die Tiere ein Gräuel, denn Schweine sind außerordentlich reinliche Tiere, haben eine bessere Nase als Hunde und achten in freier Natur auf eine strikte Trennung von Schlafplatz, Futterstelle und Toilette.


Mastschwein © Vier Pfoten

Durch die mit Staub, Keimen und Ammoniak belastete Luft entstehen zahlreiche Krankheiten: 8% der Schweine (das entspricht 5 Mio Tieren pro Jahr) haben Lungenschäden, weitere 8% sind mit Parasiten befallen, zeigt ein Blick in die amtliche Statistik zur Schlachttier- und Fleischuntersuchung durch die „Süddeutsche Zeitung“. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magengeschwüre, Schürfwunden, Klauenverletzungen und Bewegungsstörungen sind an der Tagesordnung. Um die Tiere überhaupt am Leben zu halten, werden sie routinemäßig mit Antibiotika versorgt.


Innerhalb von nur vier Monaten vervierfachen die Schweine ihr Gewicht. Um 1900 dauerte es laut Tierschutzbund etwa ein Jahr, bis ein Mastschwein 100 kg Körpergewicht angesetzt hatte, heute sind es nur noch wenige Monate. Die Körperproportionen wurden durch Zucht den Wünschen der Verbraucher angepasst: viel mageres Fleisch und ein großer Schinkenanteil sind gewünscht. Herz, Skelett und Muskulatur können da nicht mithalten, die 110 bis 120 kg schweren Tiere sind kaum noch in der Lage zu gehen; oft brechen die Beine, weil sie das Gewicht nicht mehr halten können.

 

Arme Sau – Wie Zuchtsauen gehalten werden


Besonders schlimm trifft es die Zuchtsauen: Sie werden bis auf wenige Wochen im Jahr in engen Kastenständen oder so genannten „Abferkelbuchten“ gehalten – durch Eisengestänge getrennte, schmale Boxen, in denen sie nur stehen oder liegen können. In diesen Boxen ist es so eng, dass sie ihre Ferkel nicht einmal beschnuppern können – geschweige denn, ihnen ein Nest bauen können. Mit Hormonspritzen sorgt man für synchrone Schwangerschaften und Abferkeltermine. Maximal einen Tag darf eine Sau überfällig sein, dann wird die Geburt hormonell eingeleitet, berichtet der „Spiegel“. Sonst gerät das ganze System aus dem Rhythmus.


Auch das Stillen muss der Wirtschaftlichkeit Rechnung tragen: Die auf Hochleistung gezüchteten Sauen werfen oft mehr Ferkel als sie Zitzen haben, heißt: Im Kampf um die Muttermilch sterben die schwächsten. Höchstens vier Wochen dürfen die Ferkel bei der Mutter saugen. Normalerweise würden sie drei bis vier Monate Muttermilch trinken. „Das frühe Abstillen verursacht emotionalen Stress und gesundheitliche Probleme bei den Jungtieren – dafür gibt es dann Impfungen und Medikamente“, kritisiert Andreas Grabolle in „Kein Fleisch macht glücklich“.


Ein Schweineleben © Heinrich Böll Stiftung, BUND: Fleischatlas 2016, CC BY-SA 3.0


Weil das Fleisch der männlichen Ferkel später den teilweise strengen Eber-Geruch verströmen würde, werden sie gleich in den ersten Lebenstagen kastriert. In der konventionellen Schweinezucht laut „Spiegel“ meist ohne Betäubung, lediglich das Schmerzmittel Metacam wird verabreicht. Erst ab 2019 soll diese Praxis verboten werden.⁠ Diese Prozedur ist für die Tiere äußerst schmerzhaft: Frisch kastrierte Ferkel zittern am ganzen Leib; häufig müssen sie sich übergeben, berichtet der Tierschutzbund.


Sind die Ferkel abgestillt, kommen sie in den Ferkelaufzuchtstall. Dort können sie weder spielen, noch herumtollen oder die Umgebung erkunden. Häufig werden die Tiere gruppenweise in Flatdecks gehalten. Dazu der Tierschutzbund: „Das sind Drahtkäfige mit einem zwei bis drei Quadratmeter großen Lochboden. Pro Quadratmeter sind darin vier bis fünf Ferkel untergebracht. Flatdecks können bis zu drei Etagen übereinander gestapelt werden, man spricht dann von einer Ferkelbatterie.“ Jedes siebte Ferkel stirbt noch vor der Schlachtung.


Die Muttersau wird bereits 5 Tage nach der Trennung von ihren Ferkeln erneut besamt, dann beginnt der Kreislauf erneut. Nach durchschnittlich zweieinhalb Jahren bzw. 5 bis 6 Schwangerschaften wird die völlig ausgelaugte Sau geschlachtet. Ihre normale Lebenserwartung läge bei 15 Jahren.

 

„Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund
Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“

Deutsches Tierschutzgesetz

Tierschutz und Realität in der Schweinehaltung


Die ZDF-Dokumentation „Tierfabrik Deutschland“ (2015) hat einige Praktiken der Schweineaufzucht aufgedeckt, die nur schwer in Einklang mit geltenden Tierschutzverordnungen zu bringen sind:

  • Kastenstände: Laut Gesetz soll jedes Schwein „ungehindert aufstehen, sich hinlegen (…) und in Seitenlage die Gliedmaßen austrecken“ können. In der Praxis dulden Behörden oft qualvolle Enge.
  • Schwänze abschneiden: Laut EU-Verordnung Auslöser für „akute und (…) andauernde Schmerzen“. In deutschen Ställen ist das Schwänze kupieren fast überall üblich und offiziell genehmigt.
  • Ferkel totschlagen: Laut Tierschutzgesetz darf „niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Leiden, Schmerzen oder Schäden zufügen“. In der Produktionsrealität wird brutales Ferkeltöten aus wirtschaftlichen Gründen in manchen Fällen gar von Behörden gedeckt.

Wie das Leben der Schweine dann aussieht hat die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (ARIWA) dokumentiert:

 

Die Schlachtung: Vom Schwein zum Schinken


Im Alter von einem halben Jahr werden die gemästeten Schweine zum Schlachthof transportiert. Der lange Weg in den Tod ist für die Tiere extrem stressig. Vorschriften werden aus Kostengründen oft nicht eingehalten: Jeder vierte aller 2013 kontrollierten Schweinetransporte war laut Bericht der Bundesregierung extrem überladen. „Aus Profitinteresse überladene Transporter, defekte Lüftungsanlagen, mangelnde Wasserversorgung oder eine fehlerhafte Anbindung machen den Tieren die Fahrt zur Qual“, kritisiert die Albert Schweitzer Stiftung. Und selbst bei Einhaltung der Vorschriften ist die Fahrt für die Tiere mit extremen Strapazen verbunden. Laut Provieh verenden bis zu 200.000 Schweine jährlich bereits beim Transport in den Schlachthof.


Am Bestimmungsort abgekommen, werden die Schweine zunächst mit CO2 oder per Elektroschock betäubt. Bei beiden Methoden müssen die Tiere erheblich leiden. Bei der in den meisten Schlachthöfen üblichen Betäubung mit Kohlendioxid haben die Schweine ein Gefühl der Atemnot, das durch das Zuviel an CO2 ausgelöst werden. Die Tiere leiden 10 bis 15 Sekunden unter Erstickungsangst, recken die Schnauze in die Höhe und schreien schrill, bis sie schließloch bewusstlos werden (hier im ARD-Video zu sehen). Dabei gäbe es durchaus stressfreie Alternativen: Bei der Betäubung mit Helium etwa spüren die Schweine nichts und gleiten sanft in die Bewusstlosigkeit.


Die Betäubung mittels Elektroschock erfolgt entweder automatisch über Elektroden oder mittels Elektrozange. Die per Hand betäubten Tiere müssen die Tötung ihrer Artgenossen aus nächster Nähe miterleben, bevor sie selbst an die Reihe kommen. Oft werden die Tiere auch nicht richtig betäubt: Laut einem Bericht der Bundesregierung sind 3,3% der Schweine (bei automatischen elektrischen Betäubungsanlagen) bzw. 10,9 bis 12,5 % der Schweine (bei handgeführten Betäubungsanlagen) bei Bewusstsein während ihnen die Schlagader durchtrennt wird und sie verbluten.


Nach der Betäubung werden die Tiere auf einem Fließband am sogenannten Stecher vorbei transportiert. Der hat pro Schwein nur wenige Sekunden Zeit, um die Halsschlagader aufzustechen, damit die Tiere entbluten. Nicht immer ist der Stich tödlich, manchmal wird in der Eile nur ein Nebengefäß getroffen oder das Hauptgefäß ungenügend aufgeschnitten. Laut Max Rubner Institut liegt die Fehlerquote bei 1%. Das heißt: Rund eine halbe Mio Schweine pro Jahr erleben bewusst mit, wenn sie zum Lösen der Borsten in ein 60 Grad heißes Brühbad eingetaucht werden.

 

Zusammenfassung: Schweinemast in Kürze


  • Schweine gehören zu den intelligentesten Säugetieren der Welt und sind Wissenschaftlern zufolge schlauer als Hunde, Katzen und Pferde.
  • In freier Natur suchen Schweine bis zu 8 Stunden täglich nach Nahrung. In der Massentierhaltung werden die Tiere auf engstem Raum in schummerige Lagerhallen eingepfercht, in denen sie kaum Beschäftigungs- oder Bewegungsmöglichkeiten haben.
  • 92% leben auf Spaltenböden, durch die Kot und Urin abfließen. Für die reinlichen Tiere ist es ein Gräuel, wenige Zentimeter über den stinkenden Exkrementen zu stehen und zu schlafen.
  • Durch die mit Staub, Keimen und Ammoniak belastete Luft entstehen zahlreiche Krankheiten. Um die Tiere überhaupt am Leben zu halten, werden sie routinemäßig mit Antibiotika versorgt.
  • Innerhalb von nur vier Monaten vervierfachen die Schweine ihr Gewicht. Um 1900 dauerte es laut Tierschutzbund etwa ein Jahr, bis ein Mastschwein 100 kg Körpergewicht angesetzt hatte.
  • Zuchtsauen werden bis auf wenige Wochen im Jahr in engen Kastenständen gehalten. Darin ist es so eng, dass sie ihre Ferkel nicht einmal beschnuppern können.
  • Die auf Hochleistung gezüchteten Sauen werfen oft mehr Ferkel als sie Zitzen haben, heißt: Im Kampf um die Muttermilch sterben die schwächsten.
  • Weil das Fleisch der männlichen Ferkel später den teilweise strengen Eber-Geruch verströmen würde, werden sie gleich in den ersten Lebenstagen kastriert – meist ohne Betäubung.
  • Die Muttersau wird bereits 5 Tage nach der Trennung von ihren Ferkeln erneut besamt, dann beginnt der Kreislauf erneut.
  • Im Alter von einem halben Jahr werden die gemästeten Schweine zum Schlachthof transportiert. Dort werden die Schweine zunächst mit CO2 oder per Elektroschock betäubt. Bei beiden Methoden müssen die Tiere oft erheblich leiden.
  • 3,3% der Schweine (bei automatischen elektrischen Betäubungsanlagen) bzw. 10,9 bis 12,5 % der Schweine (bei handgeführten Betäubungsanlagen) sind noch bei Bewusstsein während ihnen die Schlagader durchtrennt wird und sie verbluten.
  • Nach der Betäubung wird den Tieren die Halsschlagader aufgeschnitten. Bei etwa 500.000 Schweinen pro Jahr ist der Stich nicht tödlich. Sie erleben bewusst mit, wenn sie zum Lösen der Borsten in ein 60 Grad heißes Brühbad eingetaucht werden.

Quellen:


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